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Von Wölfen und Migranten

Eine gefährliche Zuwanderung aus dem Osten bedroht unsere Sicherheit, unsere Kinder, unser Eigentum. Die Rede ist vom Wolf. Seit sich ein paar aus Polen eingewanderte Wölfe Niedersachsen und speziell die Lüneburger Heide als neue Heimat ausgesucht haben, sind die Menschen in meinem Wohnort Lüneburg und Umgebung in heller Aufregung. In den Leserbriefen der lokalen „Landeszeitung Lüneburg“ ist dies nachzulesen. Die Bestie könne sich – einigen Leserbrief-Schreibern zufolge – bald spielende Kinder holen, Jogger verspeisen und sogar für Jäger gefährlich werden. Die Jäger hätten schließlich nur ein Gewehr, um sich gegen ein ganzes Rudel Wölfe zu wehren.


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Another wolf portrait! von Tambako the Jaguar unter CC BY-ND 2.0

 
Betrachten wir die Sache nüchtern. Wie groß ist die Gefahr für den Menschen wirklich? Grundsätzlich muss man anerkennen, dass jedes Tier welches dem Menschen körperlich überlegen ist, eine potentielle Gefahrenquelle darstellt. Dies trifft zum Beispiel auch auf Kühe zu.  So wurde im letzten Jahr in Hessen eine Sportlehrerin beim Gassi gehen mit ihrem Hund von einer Kuh totgetrampelt. Eine kuriose Ausnahme? Mitnichten! Für die USA liegen Zahlen vor. Demnach sind zwischen 2003 und 2008 sage und schreibe 108 Menschen von Kühen totgetrampelt worden! Das sind im Schnitt 22 Personen jährlich. Durch Haiangriffe stirbt an den Küsten der USA dagegen jährlich durchschnittlich nur ein Mensch. Tatsächlich haben Menschen (ich gestehe, ich gehöre auch dazu) irrationaler Weise vor Haien mehr Angst als vor Kühen. Und wer wird dem Menschen sonst noch gefährlich? In Klammern sind die geschätzten durchschnittlichen Opferzahlen weltweit: Tiger (50), Löwen (50), Nilpferde (100), Elefanten (500), Krokodile (1000), Giftschlangen (100.000). Und der Wolf? Er taucht in dieser Schreckensliste gar nicht auf, obwohl es Wolfspopulationen auch in entwickelten relativ dicht besiedelten Industrieländern wie Polen, Schweden und Italien gibt. Es gibt weltweit nur ganz vereinzelte Todesfälle im Zusammenhang mit Wölfen. Meistens liegen spezielle Ursachen vor, wie Tollwut oder dass die Tiere domestiziert, d.h. an den Menschen gewöhnt waren. Ich werde also auch in Zukunft im Wald joggen. Angst sollte ich eher vor Jägern haben. Schließlich sterben in Deutschland jedes Jahr etwa 40 Menschen durch Jäger und Jägerwaffen.

Halten wir fest: Das reale Risiko durch den Wolf Schaden zu nehmen, steht in keinem Verhältnis zu der verbreiteten Angst vor diesem Tier. Wir können hier also von einer Phobie sprechen, die natürlich ihre Ursachen hat. Im Laufe der Jahrhunderte ist der Wolf zur Projektionsfläche für das Böse schlechthin geworden. In unzähligen Märchen, Liedern, Bildern und Romanen wurde dieses Bild verfestigt und brannte sich in die Köpfe ein. Allerdings ist das „Wolfsimage“ nicht zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen gleichermaßen so schlecht. Der Wolf kann auch mit ganz anderen Charaktereigenschaften belegt werden. Ich weiß noch, wie verstörend es für mich als Kind war, das im „Dschungelbuch“ Mogli von Wölfen aufgezogen wurde. “Wie Wölfe? Warum haben Sie ihn nicht gefressen?” dachte ich mir. 

Und was hat das Ganze nun mit Migranten zu tun? Eine ganze Menge denke ich. Denn auch hier liegt eine Phobie vor, genau genommen die Xenophobie – also die Angst vor Fremden. Wie anders soll man sich die Aufregung in weiten Teilen der Bevölkerung erklären, die durch die geplante Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen und Bulgaren ausgelöst wurde? Die Fakten sprechen nämlich eine eindeutige Sprache und entlarven die Angst als unbegründet.  Im Jahr 2012 lebten 324.000 Bulgaren und Rumänen in Deutschland, von denen knapp 38.000 Personen Hartz IV Bezieher waren. Das sind lediglich 0,6 % aller Hartz IV Bezieher! Und wie viele Rumänen und Bulgaren durch die geplante Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Deutschland kommen werden, ist ungewiss. Das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit rechnet mit 200.000 Zuwanderern in den nächsten Jahren insgesamt. Ein Großteil von ihnen sind in Deutschland benötigte Fachkräfte und Akademiker, die hier arbeiten werden und Beiträge in die Sozialversicherungen abzuführen werden.

Auch Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigen, dass sich die Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien unter dem Strich für Deutschland auszahlt. So haben 25 % der Erwachsenen Zuwanderer aus diesen Ländern einen akademischen Abschluss. Zum Vergleich: Innerhalb der Gesamtbevölkerung in Deutschland sind es nur 19 %. Wenn die CSU nun unter dem Slogan „Wer betrügt, der fliegt“ vor der Armutsmigration warnt, so ist dies ein Armutszeugnis und zwar für Herrn Seehofer. Natürlich wissen die Parteistrategen, dass diese Parolen vor dem Hintergrund einer weit verbreiteten Fremdenfeindlichkeit eine enorme Resonanz erzielen werden- auch wenn sie sachlich unbegründet sind. Eine solche Agitation brauchen wir nicht, die schadet nämlich dem Standort Deutschland.

Eine tolle Woche wünscht

Uwe Manschwetus

Bild: Another wolf portrait! von Tambako the Jaguar unter CC BY-ND 2.0

Autor:

Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Personalmarketing, Standortmarketing, Kulturmarketing und Digitales Marketing sind Schwerpunkte seiner Arbeit.

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