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Umweltfreundlichere Flugreisen

Der Tourismus stellt eine wichtige Größe im Spannungsfeld zwischen einem seit Jahren steigenden Verkehrsaufkommen und einer gleichzeitigen Notwendigkeit zum nachhaltigen Handeln dar, emittiert er doch weltweit ca. 5% der anthropogenen Kohlendioxid-Emissionen. Hiervon werden wiederum etwa 75% durch den touristischen Verkehr, d.h. An- und Abreise, Fortbewegung am Aufenthaltsort und verschiedene Facetten der sog. Erlebnismobilität (z.B. Motorrad oder Cabrio ohne bestimmtes Ziel fahren) verursacht.

Umweltfolgen des touristischen Verkehrs

Der touristisch bedingte Luftverkehr hat mit ca. 40% den größten Anteil an den Auswirkungen des touristischen Verkehrs. An zweiter Stelle steht der motorisierte Individualverkehr (MIV) mit ca. 32% (vgl. Scott et al. 2010, S. 395; UNWTO 2014, S. 20). Für den Tourismus ist eine Ortsveränderung jedoch Voraussetzung und damit ist eine touristische Reise ohne Verkehr undenkbar. Neben der An- und Abreise haben insbesondere die Aktivitäten und Ausflüge vor Ort sowie die Unterkunft und Verpflegung einen Einfluss auf die Umweltbilanz.

Bei den Klimafolgen des Luftverkehrs ist zu beachten, dass der Ausstoß in mehreren tausend Metern Höhe die 2- bis 8-fache schädliche Wirkung (je nach Studie, das Umweltbundesamt geht von einem 3- bis 5-fachen Wert aus) wie am Boden haben soll. Und neben den negativen Folgen auf das Klima entstehen durch den (Luft-)Verkehr auch Lärmbelästigungen, Trennungseeffekte, Landschaftsverbrauch usw.

Umweltfreundlichere Flugreisen

Umweltfreundliche Reisekonzepte beinhalten die Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlagerung und die verträglichere Verkehrsabwicklung, wie z.B. durch eine Kompensation der durch die Urlaubs-, Geschäfts- oder weitere Reisen verursachten Treibhausgas-Emissionen. Insbesondere der Kompensationsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. So wurde bspw. Ende 2016 in Montreal das globale Klimaabkommen für den Luftverkehr CORSIA (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation) beschlossen. CORSIA ist das erste und bislang einzige Klimaabkommen für einen einzelnen Industriesektor weltweit. Es soll mit Hilfe von verschiedenen Kompensationsmechanismen dafür sorgen, dass ab 2020 das Wachstum des internationalen Luftverkehrs weitestgehend CO2-neutral erfolgen wird.

Weitere Informationen finden sich beim Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft e.V. und zwar auf dem Klimaschutz-Portal.

Kompensation

Immer mehr Fluggesellschaften, Flughäfen, Kreuzfahrtgesellschaften, Reisebüros, Reiseveranstalter usw. – zumeist in Kooperation mit unabhängigen und gemeinnützigen Anbietern – bieten ihren Kunden die Option, sämtliche nicht vermeidbaren Emissionen eines Fluges oder der kompletten Reise auszugleichen. Die interessierten Kunden können mithilfe eines CO2-Rechners die klimaschädliche Wirkung ihres Fluges oder einer kompletten Reise berechnen lassen und den Preis für die CO2-Kompensation ermitteln – der Preis für die Kompensation reicht laut einem Bericht von “Finanztest” (Stand 03/2018) von fünf Euro pro Tonne CO2 bis 23 Euro. Das Geld fließt direkt in zertifizierte Klimaschutz-Projekte. Meist werden solche Projekte in Entwicklungsländern durchgeführt, da dort die Emissionsvermeidung in den meisten Fällen kosteneffizienter ist.

Zu derartigen Anbietern gehören bspw. Arktik, atmosfair, Myclimate, Klima-KollekteKlimamanufaktur und Primaklima. In dem genannten Test wurden atmosfairKlima-Kollekte und Primaklima mit “sehr gut” bewertet, “Myclimate” mit “gut” und die zwei weiteren Anbieter mit “ausreichend”. Die besten Noten gab es für Projekte, die nach dem sog. Gold-Standard (CER) zertifiziert sind, einem Gütesiegel für Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern.

Atmosfair

Da von den sechs getesteten Anbietern (für Privatkunden) im Jahre 2016 zusammen etwa 170.000 Tonnen CO₂ kompensiert wurden und allein hiervon ca. 130.000 Tonnen von atmosfair, soll dieser Anbieter genauer vorgestellt werden.

Logo von atmosfair

Logo von atmosfair; Bild: atmosfair gGmbH

atmosfair ist eine gemeinnützige GmbH mit Sitz in Bonn, die 2005 gegründet wurde und 2003 als Gemeinschaftsinitiative des Reiseveranstalterverbandes forum anders reisen und der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch entstand. Einziger Gesellschafter ist die umwelt- und entwicklungsorientierte Stiftung Zukunftsfähigkeit.

Kunden berechnen mit einem von atmosfair entwickelten Emissionsrechner die Menge an CO2, die dieselbe Klimawirkung hat wie die Emissionen der geplanten Reise. Für Flugreisen wird die Menge anhand von Abflug- und Zielflughafen berechnet. Dabei werden neben Kohlenstoffdioxid auch andere klimarelevante Emissionen wie Stickoxide und Rußpartikel berücksichtigt. Neben Flugreisen können auch CO2-Emissionen von Hochseekreuzfahrten sowie Tagungen und Kongresse kompensiert werden. Die Kunden spenden anschließend diesen Betrag, der nötig ist, um die berechneten Emissionen an anderer Stelle in Klimaschutzprojekten einzusparen. Alternativ kann auch nur ein Teilbetrag gespendet werden.

atmosfair finanziert im Jahr 2018 Projekte in folgenden Kategorien, die nach einem einheitlichen Verfahren zugelassen werden und bestimmte Standards erfüllen müssen (CDM Gold Standard Projekte oder Gold Standard Microscale für Kleinstprojekte):

  • Energieffizienz, wie effiziente Öfen, solarthermische Heizungsanlagen oder effiziente Bewässerungspumpen.
  • Biogas & Biomasse: z.B. Bisgas aus Kuhdung, Biogas für Gasherde und Kompostieranlsge für organische Marktabfälle
  • Windkraft: sauberer Strom aus Windkraft in Nicagarua und Süd-Afrika
  • Wasserkraft: Kleinwasserkraftwerke und Einsatz von sog. hydraulischen Widdern
  • Solarenergie: z.B. Solarkollektoren für ländliche Haushalte, solarthermische Heizungsanlagen und solare Trinwasseraufbereitung
  • Umweltbildung: Schulprojekte an deutschen Schulen, wie z.B. Energiesparen an Schulen und Bildungsprogramm zum Klimawandel an deutschen Schulen

atmosfair-Projekte: Effiziente Öfen in Ruanda (linkes Foto) und Biogasanlagen in Indien (rechtes Bild), Fotos: atmosfair gGmbH

Um Förderung können sich grundsätzlich alle Projekte bewerben. Unzulässige Projekte scheiden anhand von Ausschlusskriterien aus, die festgelegt sind (z.B. keine HFC 23 Projekte, keine Aufforstung etc.). Informationen zur Projektauswahl und zum Auswahlverfahren finden sich auf der Internetseite von atmosfair.

 

Atmosfair Airline Index

Der Atmosfair Airline Index vergleicht jährlich mehr als 200 Airlines der Welt nach ihrer Klimaeffizienz, also den CO2-Emissionen pro Beförderung. In die Berechnung der CO2-Emissionen fließen der Flugzeugtyp, die Triebwerke, aerodynamische Flügelspitzen (Winglets), Bestuhlung und Frachtraum sowie deren Auslastungen ein. Mit Detaildaten zu diesen Faktoren lässt sich über offizielle Daten von Behörden, spezialisierten Datendienstleistern und Computermodellen von Flugzeugkonstrukteuren der CO2-Ausstoß einer Airline auf etwa 2% genau berechnen.

Es werden für die Kurzstrecke (bis 800 km), die Mittelstrecke (801 km bis 3.800 km) und für die Langstrecke (mehr 3.800 km) jeweils eigene Rangfolgen ausgewiesen und alle Airlines werden (wie bei Kühlschränken, Fernseher o.ä.) in Effizienklassen eingeteilt. Diese reichen von A bis G.

Im Jahr 2017 wurden folgende Daten in der Gesamtwertung ausgewiesen.

  1. TUI Airways (Effizienzklasse B)
  2. China West Air (Effizienzklasse B)
  3. TUIFly (Effizienzklasse B)
  4. TunisAir Express (Effizienzklasse C)
  5. XL Airways France (Effizienzklasse C)
  6. Monarch Airlines (Effizienzklasse C)
  7. Jet2.com (Effizienzklasse C)
  8. Transavia.vom (Effizienzklasse C)
  9. Condor (Effizienzklasse C)
  10. Thomas Cook Airlines (Effizienzklasse C)

Mit diesem Index hat jeder Flugreisende die Möglichkeit, mehr als 200 Fluggesellschaften zu vergleichen und sich für die Airline/s zu entscheiden, die am wenigsten CO2 produzieren.

Quellen:

  • Scott, D., Peeters, P., Gössling, S. (2010): Can tourism deliver its “aspirational” greenhouse gas emission reduction targets?. in: Journal of Sustainable Tourism, 18 (3), 393-408
  • UNWTO (2014): Responding to Climate Change – Tourism Initiatives in Asia and the Pacific. Madrid

Dies ist ein überarbeiteter Auszug vom „Handbuch Tourismus und Verkehr“, 2. Auflage, Konstanz/München 2017.

Beiträge dieser Serie

Autor:

Sven Groß

Dr. Sven Groß ist seit 2005 Professor für Management von Verkehrsträgern an der Hochschule Harz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Tourismus und Verkehr, Travel Management, Abenteuertourismus sowie touristische Marktforschung. In diesen Themenfeldern hat er fast 100 Beiträge publiziert. Zusammen mit seiner Frau Prof. Dr. Matilde S. Groß ist er Betreiber des Informationsportals www.tourismusundverkehr.de. Dort steht u. a. eine umfangreiche Sammlung an Informationsquellen in den Themenfeldern Tourismus und Verkehr zur Verfügung.

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