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Sieben Fragen an Angelika Stenzel

Angelika Stenzel ist Koordinatorin der Jenaer Allianz für Fachkräfte und betreut den Willkommens-Service für Fach- und Führungskräfte. Die Fragen stellte Jenny Stiller, Studentin an der Hochschule Harz.


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Stiller:  Beschreiben Sie bitte kurz und präzise Ihr Projekt „Willkommensservice“.

Stenzel: Der Willkommens-Service reagiert zielgerichtet auf die Auswirkungen des demografischen Wandels auf den Arbeitsmarkt, d.h. JenaWirtschaft als kommunale Wirtschaftsförderungsgesellschaft unterstützt seit 2009 die lokalen Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen dabei Top-Bewerber im Rahmen der Phase der Erstorientierung für den Standort zu gewinnen bzw. bei der Niederlassung behilflich zu sein. Die Entscheidung für eine neue Stelle ist auch oft mit der Entscheidung für einen neuen Lebensstandort verknüpft, die Familie – soweit vorhanden – stellt dabei einen wichtigen Entscheidungsfaktor dar. Zielsetzung ist es den Bewerber z.B. bei der Entscheidungsfindung bestmöglich zu unterstützen. Um dabei möglichst passgenau auf die Bedürfnisse des Kunden eingehen zu können, wird der Willkommens-Service als 1:1 Betreuung und natürlich mehrsprachig angeboten. Ein Modul ist dabei die Jena-Orientierungstour, die in rund 1,5 Stunden Jena im Überblick darstellt, d.h. unter anderem einen Einblick in die verschiedenen Wohngebiete gibt, die hervorragende Bildungslandschaft erläutert und z.B. auf Angebote im Sport, Kultur- und Freizeitbereich hinweist. Ein weiteres Modul ist der Welcome-Service, der sich an ausländische zuziehende Fachkräfte richtet. Hier wird in enger Abstimmung mit dem Unternehmen und der zu betreuenden Fachkraft der tatsächlich erforderliche Servicebedarf entwickelt. Dieser kann von der Begleitung zu Ämtern zum Übersetzen bis hin zur Begleitung bei Schul- oder Wohnungsbesichtigungen reichen sowie zur Klärung von Fragen zu Führerscheinübertragung oder Suche nach einem englischsprachigen Tierarzt.

Stiller: Wie kam es zu Ihrem Projekt? – Gab es einen besonderen Auslöser?

Stenzel: Jena ist ein extrem Fachkräfte-abhängiger Standort. Die Prognosen stehen auf Wachstum. Deshalb war bereits kurz nach der Gründung der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Jena mbH (2008) das Thema Fachkräfte „auf dem Radar“. Denn Fachleute mit hoher Qualifikation zu einem Umzug zu bewegen, stellt Ansprüche an die Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die diese nicht immer alleine bewältigen können oder wollen. Oft sind die Personalabteilungen bei der typisch thüringischen mittelständischen Struktur zu klein oder die umfangreiche Betreuung von ausländischen Bewerbern kommt so selten vor, dass das erforderliche Know-how in den Personalabteilungen nicht permanent vorgehalten werden kann. Hier setzte in 2009 der neu entwickelte Willkommens-Service an. Zu dieser Zeit war Jena die erste oder eine der ersten Kommunen in Deutschland, die einen derartigen Service initiierte und umsetzte. Einer begleitenden Familie gilt dabei ein besonderes Augenmerk, da diese einen maßgeblichen Anteil an der Entscheidungsfindung für die Annahme einer neuen Stelle hat.

Stiller: Was hebt Ihr Projekt von anderen, die sich mit dem gleichen Thema beschäftigen, ab?

Stenzel: Der Ansatz ist in hohem Maße praxisorientiert und kann, da niedrigschwellig umsetzbar und in unterschiedlichen Ausführungen anbietbar, in Kommunen verschiedenster Größe oder Bedarfe angeboten werden. Das erklärt, warum JenaWirtschaft in den vergangenen Jahren aus unterschiedlichsten Kommunen in Deutschland entsprechende Anfragen bekommen hat. Der Kunde, d.h. das Unternehmen entscheidet, wer betreut werden soll, vom schwer zu findenden Facharbeiter bis zum Hochqualifizierten. Das Handwerksunternehmen kann ebenso die Serviceleistung anfragen wie das Hochtechnologieunternehmen. Wie weit die angebotene Servicetiefe reichen soll, kann flexibel gestaltet werden. Die Betreuung selbst ist individualisiert und deshalb passgenau für den Endkunden (Fachkraft).

Stiller: Warum ist Willkommenskultur Ihrer Meinung nach so wichtig? Müssen nationale und internationale Fachkräfte unterschiedlich „geangelt“ werden?

Angelika Stenzel

Angelika Stenzel

Stenzel: Jeder Mensch möchte sich gern willkommen geheißen fühlen, ob im Urlaub, bei der Jobsuche oder in einer anderen für ihn neuen Lebens- oder Erfahrungssituation. Im Wettbewerb um nationale Fachkräfte gilt es ggf. vorhandene Vorurteile gegenüber dem Standort abzubauen oder Wissenslücken zu schließen, um auf die hohe Lebensqualität als künftigen Wohnort hinzuweisen. Aufgrund des föderativen Systems in Deutschland spielen in Jena z.B. die Standortvorteile durch das hervorragende Kinderbetreuungs- und Schulangebot eine sehr wichtige Rolle. Die internationale Fachkraft hingegen bedarf oft einer deutlich intensiveren Betreuung. Hier ist nicht nur der Standort zu erklären, sondern zusätzlich eine Ebene höher, „wie funktioniert das Leben in Deutschland?“, denn oft ist es der erste Aufenthalt in Europa oder zumindest Deutschland und alles ist ggf. unbekannt vom Mietmarkt bis zur Mülltrennung. Fehlende Informationen schaffen hier eine hohe Unsicherheit und sind die Grundlage für Missverständnisse und Fehlinterpretation des Verhaltens der Mitmenschen, die möglicherweise einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Deshalb kommt dem Willkommen-Heißenden auch eine Art „Übersetzerrolle“ des neuen Lebensstandortes zu.

Stiller: Wie (eng) arbeiten Sie mit den Unternehmen zusammen?

Stenzel: Dieser Service wurde für Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen entwickelt. Die Unternehmen sind unsere Auftraggeber und deshalb arbeiten wir natürlich sehr eng mit Ihnen zusammen, um zum einen bei aktuellen Betreuungsaufträgen bedarfs- und kundenorientiert agieren zu können und zum anderen Veränderungen im Kundenverhalten wahrnehmen zu können, d.h. eine Veränderung der Bedarfslage.

Stiller: Wieso sehen Sie die Städte, insbesondere Jena in der Pflicht sich für Willkommenskultur bezüglich Fachkräfte zu engagieren und überlassen den Attraktivitätsaspekt nicht den Unternehmen?

Stenzel: Wir verstehen uns mit den Unternehmen hierbei als Team, denn wie gut ein Standort ist hängt vom Agieren vieler Mitstreiter ab. In Thüringen wie in vielen Bundesländern ist die Unternehmenslandschaft zu weit über 90% kleinst- und mittelständisch organisiert. Großunternehmen mit Stabsabteilungen, die sich um das strategisches Personalmarketing kümmern können und sich auf das veränderte Anspruchsdenken einstellen – etwa der vielzitierten Generation Y – sind hier eher selten zu finden. Dennoch haben wir z.T. sehr engagierte Unternehmen am Standort Jena, die sich intensiv um ihre Wettbewerbsfähigkeit im Gewinnen von Fachkräften bemühen, denn Jena ist ein Hochtechnologiestandort. Hier werden wissensintensive Produkte und Anwendungen entwickelt. Nicht umsonst hat Jena mit  29,6 %  die zweithöchste Hochqualifiziertenquote in Deutschland nach Heidelberg. JenaWirtschaft versucht etwa mit dem Willkommens-Service und den modularen Angeboten passgenau jeweils den Service anzubieten, den das Unternehmen bei der Gewinnung von Topbewerbern benötigt. Sei es, dass wir bewusst angefragt werden, weil man dem Bewerber noch einen anderen, neutralen Ansprechpartner außerhalb des Unternehmens anbieten will oder weil die Personalabteilung nicht die Ressourcen hat oder permanent vorhalten kann. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes betrifft uns alle, deshalb sind wir als städtische Serviceeinrichtung zur Unterstützung der Unternehmen vor Ort.

Stiller: Sind bereits Erfolge in Jena zu verzeichnen und wo sehen Sie noch ausbaufähiges Potenzial?

Stenzel: Wir haben den Service in 2009 initiiert, quasi antizyklisch im Jahr der wirtschaftlichen Krise vielerorts. Eine bewusste Entscheidung, da wir aus Unternehmens-Befragungen wussten, dass es aller Voraussicht in mittlerer Zukunft einen Mehrbedarf an Fachkräften geben würde. Das gab uns die Chance Grundlagen zu schaffen und auf die Unternehmen eingehen zu können. Die Unternehmen, die als Kunde den Service nutzen, greifen immer wieder auf uns zurück, da sie den Mehrwert erkennen sowohl für sich (als kleines aber effizientes Instrument des Personalmarketings im Wettbewerb mit anderen Unternehmen) als auch für den Bewerber, dieser fühlt sich durch die 1:1 Betreuung gewertschätzt durch das Unternehmen und von uns gut betreut. Die Auszeichnungen, über die wir uns freuen durften, sind uns darüber hinaus eine Bestätigung: Der Willkommens-Service wurde bei der Auszeichnung des von uns betreuten Fachkräftenetzwerkes „Jenaer Allianz für Fachkräfte“ als Innovatives Netzwerk 2013 durch das Bundesarbeitsministerium besonders gewürdigt und führte zur Auszeichnung von JenaWirtschaft als „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen 2013/14“ (nationaler Wettbewerb „Deutschland Land der Ideen“).

Stiller: Was erhoffen Sie sich mit dem Projekt in fünf Jahren erreicht zu haben?

Stenzel: Auch diejenigen Unternehmen zu sensibilisieren, die bisher noch nicht den in ihrem Geschäftsfeld entstandenen Engpässen im Bewerbermarkt Rechnung tragen und ihr Agieren auf dem Stellenmarkt bislang nicht geändert haben. Gleichzeitig durch die Betreuung selbst „Botschafter“ für Jena gewonnen zu haben, selbst wenn sich die Bewerber doch für eine andere Position in einer anderen Stadt entschieden haben. Und durch künftig neu zu entwickelnde Instrumente durch uns oder Partner insbesondere für neu zugezogene ausländische Fachkräfte und ihre Familien  neue Anlaufstellen zum sich „Zuhause-Fühlen“ geschaffen zu haben.

Stiller: Vielen Dank für das Gespräch.

Autor:

Uwe Manschwetus

Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Personalmarketing, Standortmarketing, Kulturmarketing und Digitales Marketing sind Schwerpunkte seiner Arbeit.

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