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Fünf Fragen an Holger Thoma

Die Fragen an Holger Thoma von der Willkommensinitiative „Volldabei“ stellte Phillip Hempel, Student an der Hochschule Harz.

Hempel: Wofür steht die Initiative „VOLLDABEI“ und an wen richtet sie sich?

Thoma: Die Initiative VOLLDABEI wurde 2012 von Pareaz e.V. mit dem Ziel ins Leben gerufen, die Willkommenskultur für Flüchtlinge in Augsburg und Schwaben zu bereichern. Wichtig ist uns die Kommunikation mit AugsburgerInnen und BewohnerInnen aus dem Umland über Fragen des interkulturellen Zusammenlebens und die Mitgestaltung einer Willkommenskultur von möglichst Vielen. Willkommenskultur ist für uns eine Grundhaltung der Offenheit und Akzeptanz gegenüber Flüchtlingen – und selbstverständlich gegenüber anderen Menschen – der Abbau von Barrieren, die eine Integration und Inklusion verhindern, die Freude an der Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen.

Hempel: Wie ist die Idee zur Gründung der Initiative entstanden?

Thoma: Im Frühjahr 2012 hat die BIB Augsburg GmbH das Projekt ‚VELO’ initiiert. Der Anlass war die Beobachtung, dass es wenig persönliche Kontakte zwischen Asylsuchenden und den übrigen BewohnerInnen der Stadtteile gibt. Rund um die Unterkünfte entstehen immer wieder Spannungen und die Akzeptanz und Toleranz der Bevölkerung ist aufgrund der unterschiedlichen Kulturen und Lebensweisen gefragt. Das Begegnungsprojekt VELO, das in Form einer Fahrradrecyclingaktion bei ‚Kette und Kurbel’ durchgeführt wurde, wurde durch das Programm ‚Toleranz fördern – Kompetenz stärken’ unterstützt. Als VELO im August 2012 zu Ende ging, gab es zunächst nur noch in der ‚Bikekitchen’ die Möglichkeit zur Fahrradreparatur. Die ausschließlich ehrenamtlich geführte Selbsthilfewerkstatt war der enormen Nachfrage materiell und personell nicht gewachsen. Daher haben wir in einem nächsten Schritt den ‚VOLLDABEI Fahrrad-CLUB’ als zusätzlichen Standort mit dem Schwerpunkt Asyl und Nachbarschaft entwickelt. Im Kulturpark West im Stadtteil Augsburg-Kriegshaber haben wir seit März 2013 einen Lager- und Werkstattraum gemietet, der als Basis für unsere Fahrradaktivitäten dient.

Workshop Rotes Leihrad

Workshop Rotes Leihrad

Hempel: Wie wurde die Initiative aufgenommen und welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht?

Thoma: Die Nachfrage nach unseren Angeboten nahm in den vergangenen Jahren kontinuierlich zu. Das Publikum ist bunt und heterogen. Wir pflegen einen sehr offenen und konstruktiven Umgang miteinander. Das Zusammentreffen unterschiedlicher Weltanschauungen und Lebenseinstellungen klappt gut. Wir beobachten, dass immer mehr Teilnehmende einen eigenen freiwilligen Beitrag in Form von Sach-, Zeit- oder Geldspenden leisten. Immer wieder bekommen wir Spenden von Firmen wie zum Beispiel von Fahrradhändlern. Das Projekt hat sich ein hohes Ansehen im Fachkräftebereich der Flüchtlingsarbeit erworben. Wir arbeiten mit der Fachstelle für Integration, den FachberaterInnen der Diakonie, der Caritas und ‚Tür an Tür’ zusammen und sind im Augsburger Forum Flucht und Asyl sowie im Bündnis für Menschenwürde aktiv.

Hempel: Welche Projekte und Aktivitäten bietet VOLLDABEI an?

Thoma: Seit März 2013 existiert unsere Mobile Fahrradwerkstatt. Sie ist gut bestückt mit Rädern zum Herrichten, Ersatzteilen und Werkzeug. Flüchtlinge können mit uns ihre eigenen Räder reparieren oder mithelfen, ‚ROTE LEIHRÄDER’ herzustellen. Ein Teil des Materials ist in der Gemeinschaftsunterkunft Calmbergstraße gelagert. Ein anderer Standort ist der Kulturpark West. Der Recyclinggedanke ist uns wichtig. Die meisten Einrichtungsgegenstände stammen aus privaten Beständen oder vom Sperrmüll. Jedes noch brauchbare Teil wird von Schrotträdern abgeschraubt und aufbewahrt. Beim Werkzeug haben wir allerdings nicht gespart, sondern hochwertiges Handwerkszeug, weil es in der Regel langlebiger ist, angeschafft. Die Mittel hierfür kamen von der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis. Das gesamte Werkstattzubehör kann mit Fahrrädern und Anhängern transportiert werden. So können wir an geeigneten Orten, wie zum Beispiel in Asylunterkünften oder bei Stadtteilaktivitäten, eine temporäre Werkstatt errichten. Über die Fahrradaktivitäten hinaus begannen wir im Herbst 2012 damit, Flüchtlingen auch eine Teilhabe an kulturellen Angeboten zu ermöglichen. Dazu zählten Ereignisse wie ein Theaterbesuch und die Mitwirkung an einer Werbeaktion für ‚PRO ASYL’ während eines Rockkonzertes. Außerdem organisierten wir politische Bildungsarbeit wie zum Beispiel den Besuch im Bayerischen Landtag.Eine erhöhte Nachfrage nach Fahrrädern seit dem Frühjahr brachte uns auf die Idee, einen Vorrat an Leihrädern für Flüchtlinge aufzubauen. Unter dem Titel ‚Rotes Leihrad’ gibt es nun einen wachsenden Pool an kurzfristig verfügbaren Rädern. Im Rahmen von Workshops werden alte Räder aufgemöbelt, rot lackiert und kostenlos auf Zeit weiter gegeben.

Hempel: Welche Ideen und Vorstellungen haben Sie für die Zukunft?

Thoma: Für unsere Initiative müssen wir neben Geld auch immer wieder Freiraum organisieren. Die Miete von ausreichend Raum ist für uns oft nicht möglich. Wir suchen deshalb Alternativen. Unsere Roten Leihräder stehen jetzt auf den Gehwegen. Wir haben begonnen, W-LAN für Flüchtlinge einzurichten. Auch das ist eine Form von Freiraum. Wir werden die Flüchtlinge in unserem Projekt bei ihrer Integration begleiten. Gerade Wohnraum und Arbeit sind nicht leicht zu finden. Einige von unseren Projekten können hier Übergänge schaffen. Die Landratsämter in den Landkreisen der Region sind sehr an unserem Projekt interessiert. Hier werden sich Projekte ergeben.

 

Foto: Initiative Volldabei

Autor:

Uwe Manschwetus

Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Personalmarketing, Standortmarketing, Kulturmarketing und Digitales Marketing sind Schwerpunkte seiner Arbeit.

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