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Offener Brief an Kolleginnen und Kollegen: Hört auf, mich auszunutzen!

Sie lauern in jedem Büro: Kolleginnen oder Kollegen, die ihre Selbstoptimierung bis zur Perfektion entwickelt haben – auf Kosten Anderer. Hier kommen 14 Tipps, wie Sie nie wieder ausgenutzt werden.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen: Ja, ich mache es gerne. Picke den Kollegen Frank morgens an der Bushaltestelle auf, damit er nicht so frieren muss. Mache Kaffee für alle, damit sich auch ja keiner vernachlässigt fühlt. Martina darf auch mal bei mir übernachten, wenn´s grade mal in der Partnerschaft nicht so gut läuft.

Nur so langsam beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl: Bin ich der Kompanie-Trottel der Nation, nur, weil ich nicht gleich jeden, der nicht bei „DREI!“ auf den Bäumen ist, eine To-Do Liste mit meinen Wünschen ins Gesicht drücke? Bin ich ein Wesen, welches nicht mehr ernst genommen wird, weil es freundlich ist? Ein Depp, weil es mir unangenehm ist, andere mit meinen Dingen zu behelligen?

Warum machst Du das eigentlich alles?

Auslöser meiner Bedenken war die Frage meiner Kollegin: „Warum machst Du das eigentlich alles? Hat sich jemals jemand dafür bedankt (Antwort: Nein). Hat sich jemals jemand dafür revanchiert (Antwort: Nein). Hat irgendjemand Dich mal bei sich übernachten lassen, als es Dir nicht gut ging (Antwort: Nein). Ich will das vielleicht auch gar nicht. Ich löse meine Probleme lieber alleine. Aber trotzdem: diese Fragen machen mich seitdem  sehr nachdenklich und wurmen mein Innerstes.

Martina hat jetzt den neuen Teamleiter-Job bekommen, Frank die neue Projektaufgabe. Ich ging leer aus. Dabei denke, meine ich, dass ich doch immer gezeigt habe, dass ich gerne Verantwortung übernehme?

Geben und Nehmen. Ein zweischneidiges Schwert.

Ich stehe jetzt vor der Frage: Wie weiter? Es ist ein zweischneidiges Schwert. Soll ich künftige Anliegen meiner Kollegen konsequent ablehnen und mir den Bestseller „Lerne „Nein!“ zu sagen“ kaufen? Soll ich werden wie Kevin-Martin, der nur noch an seinem eigenen Vorteil interessiert ist, egal, was dann mit den Anderen passiert? Soll ich nächstes Mal, wenn Sabine mich fragt „Bringst Du mir einen Kaffee mit?“ weltmännisch kontern „Hol´ ihn Dir doch selbst, ich habe zu tun?“

Der Busy-Busy-Abschirmdienst und seine Folgen

Kein Wunder, denke ich weiter, dass alle so busy sind. Denn wer busy ist, den bittet man nicht um zusätzliche Gefallen. Der soziale „Busy-Busy-Abschirmdienst“ sozusagen, untermalt durch permantes „Ach, ist das viel. Mein Gott, wo fange ich nur an? Mensch, bin ich gestresst..“ Andersherum bedeutet das: Wer hilft, ist nicht busy, der hat zu viel Zeit. Oder ist ein gutmütiger, aber bemitleidenswerter Idiot. Diese Gedanken vergiften mich, aber ich bekomme sie nicht mehr weg.

Die Kunst der Distanz und Nähe. Und ein kleines „Danke“.

Also: Wie schaffe ich es, Distanz herzustellen, ohne Andere zu verletzen? Verantwortung wahrzunehmen, aber auch eigene Bedürfnisse zu realisieren? Abzulehnen, aber weiterhin gemocht zu werden? Hilfestellung zu leisten, aber auch mal ein „Danke“ zu bekommen? Es sollen ja keine Festessen sein, kein volles  Stadion, welches mir applaudiert und Bärchen auf die Bühne wirft. Nur mal ein „Danke“, dann freue ich mich schon.

Wie komme ich aus dieser Zwickmühle heraus?

14 Tipps, um nicht mehr ausgenutzt zu werden.

Hier kommen 14 Tipps, um nicht mehr ausgenutzt zu werden (oder dieses Gefühl zu bekommen):

1. Definiere

Was bin ich bereit zu geben – ganz und gar, ohne Einschränkung? Und beschwere mich dann auch nicht, wenn Andere es annehmen. Hilfestellung ist immer eine individuelle Entscheidung, eine freiwillige Leistung, die ich steuern kann.

2. Überlege

Warum mache ich das? Was erwarte ich dafür? Und was nicht? Verantwortungsgefühl, Erziehung, Abtragen von subjektiv empfundener Schuld, das Gefühl gemocht zu werden, einfach nur Mitmenschlichkeit? Vieles kann der Grund sein. Dummheit ist es jedoch ganz gewiss nicht.

3. Beschreibe

Was bin ich bereit zu geben – mit Einschränkung? Und dann:

4. Spreche

Spreche darüber. Sage bei den Dienstleistungen, die Du mit Einschränkung versehen hast: Was will ich dafür haben, sonst lasse ich es?

5. Höre

Höre genau zu, wenn Dich jemand um etwas bittet. Was ist der Grund dafür? Bequemlichkeit? Wirkliche Not? Das Wissen darüber, dass Du es ja machst? Welchen Vorteil könnte der- oder diejenige davon haben? Und bist Du bereit, diesen Vorteil für die andere Person einzulösen?

6. Beobachte

Wer zeigt Respekt gegenüber Deiner Hilfe (zum Beispiel: Schickt eine nette Karte, passt auf Deinen Hund auf? Kommt Dir entgegen?) Und wer nicht?

7. Sehe

Was passiert mit den Dingen, Informationen, Dienstleistungen, die Du gibst? Verwendet jemand anders Dein Wissen, um damit zu prahlen? Sackt jemand anders die Lorbeeren ein?

8. Fühle

Bist Du abends fertig mit der Welt, während andere noch die Energie zum Feiern haben? Oder ist Dein der Energiehaushalt der sozialen Gefallen noch  im Lot?

9. Nutze

Es geht nicht darum, „Nein“ zu sagen, denn ein „Nein“ an der falschen Stelle bei der falschen Person könnte Dir den Schlaf rauben, das bringt auch nix. Nutze die Gelegenheit, wenn Andere Dir etwas anbieten, denn das wird passieren. Schluck´ Deinen Stolz herunter und sei offen gegenüber Angeboten.

10. Reduziere

Reduziere den Willen, alles selbst machen zu wollen und den Hang, jeden zu verdächtigen, Dich ausnutzen zu wollen (das könnte sonst die Kehrseite der Medaille werden).

11. Steigere

Steigere die Verbindung zu denjenigen, die Dein großes Herz verdienen.

12. Streiche

Streiche die Verbindung zu denjenigen, die Dein großes Herz nicht verdienen.

13. Kreiere

Entwickle Tauschgeschäfte, die ausbalanciert sind und jedem etwas bringen. Du gießt meine Blumen, während ich im Urlaub bin? Danke! Ich gieße Deine, während Du auf Mallorca weilst. Da ist nichts Verwerfliches dran.

14. Freue

Sei stolz auf Dich. Genau wegen dieser Eigenschaften werden Dich Menschen lieben. Und die sind es wert, dass Du so bleibst.

Herzlichst, Ihre Silke Wöhrmann

 

Hinweis: Diese offenen Briefe sollen zum Nachdenken, zum Diskutieren anregen und ermöglichen, sich in die Sichtweise des „Anderen“ hinein zu versetzen, um daraus letztendlich für beide Seiten eine effektivere Form des Verstehens zu ermöglichen. Die gewählte „Ich-Form” der Briefe sind ein journalistisches Stilmittel und zeigen nicht meine privaten Lebenssituationen, aber durchaus meine persönlichen Werte.

Autor:

Silke Wöhrmann

Silke Wöhrmann, Dipl.-Kfm., Personalentwicklerin, Coach, Trainer und Berater, Autorin Schwerpunkt Führungskräfteentwicklung, Lehrbeauftragte für Personalpsychologie, HRM, Social Skills & Führung an Hamburger Hochschulen. Gründerin und geschäftsführende Gesellschafterin der APT Personalmarketing und APT Human Management. Kontakt: info[at]apt-woehrmann.de Internet www.apt-human-management.de, www.4P-leadership.de

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