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Fünf Dinge, auf die wir 2015 verzichten können. Viertens: Eine Unterschätzung des demografischen Wandels

Der demografische Wandel ist ein Megathema, über das schon seit vielen Jahren in den Medien berichtet wird. Die Politik ist auch alarmiert und diskutiert das Thema intensiv. Die Wissenschaft hat sich ebenfalls schon seit geraumer Zeit dieses Themas angenommen und es gibt zahlreiche Forschungsprojekte zum demografischen Wandel. Die Medien können jedoch lediglich informieren und aufklären, die Politik Rahmenbedingungen setzen und die Wissenschaft analysieren, prognostizieren und Empfehlungen geben. In Bezug auf den demografisch bedingten Fachkräftemangel müssen jedoch die Unternehmen handeln. Sind die Unternehmen dafür vorbereitet?

Die Situation

Die Situation in Bezug auf den demografischen Wandel in Deutschland ist bekannt. Hier noch einmal die wesentlichen Entwicklungen:

  • Es gibt eine konstant steigende Lebenserwartung
  • Die Geburtenziffer ist anhaltend niedrig
  • Bereits seit 1972 werden in Deutschland pro Jahr weniger Menschen geboren als sterben
  • Ohne Netto-Zuwanderung (Saldo aus Ein- und Auswanderung) wäre die Bevölkerungszahl in Deutschland schon seit 1972 rückläufig

Aus diesen Entwicklungen ergeben sich folgende Konsequenzen:

  • Eine schrumpfende Bevölkerung
  • Rückläufige Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter
  • Steigender Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung

Die Auswirkungen des demografischen Wandels werden in allen gesellschaftlichen Bereichen (z.B. Renten- und Sozialsysteme, Gesundheitspolitik, Bildungspolitik) zu spüren sein. Der Arbeitsmarkt ist auch betroffen und die Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass es immer schwieriger werden wird Azubis und ausgebildete Fachkräfte zu bekommen. Erschwerend kommt eine vergleichbare demografische Situation in anderen europäischen Ländern hinzu, so dass sich der Wettbewerb um die begehrte Ressource Fachkräfte auf internationaler Ebene verschärfen wird.

Notwendige Differenzierung

Die Situation ist jedoch nicht überall gleich. Einige Branchen erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit und haben keine große Mühe gutes Personal zu finden, während Arbeitgeber aus anderen Bereichen händeringend Personal suchen.  Ebenso ist unter einem regionalen Blickwinkel eine differenzierte Betrachtung angebracht. Ballungsräume und viele Regionen im Süden / Westen der Republik bieten ein attraktives Arbeits- und Lebensumfeld an und können Wanderungsgewinne erzielen. Dagegen kämpfen insbesondere viele ländliche Regionen Ostdeutschlands mit den Folgen des demografischen Wandels. In den dünn besiedelten Gebieten kann vielerorts die bestehende technische und soziale Infrastruktur nicht mehr aufrechterhalten werden. Daher sind neue Konzepte erforderlich. In Bezug auf Energie und Wasserversorgung sowie Abfall und Abwasserentsorgungssysteme entwickelt beispielsweise das Netzwerk SWED 2.6 Lösungen für Schrumpfungsregionen.

demografie1

Demografischer Wandel erfodert neue Ver- und Entsorgungskonzepte

 

Reaktion der Unternehmen auf den demografischen Wandel

Viele Unternehmen sind in strategischer und operativer Hinsicht hervorragend für die zukünftigen Herausforderungen gerüstet. So z.B. die HBS Elektrobau GmbH, die eine vorbildliche Nachwuchssicherung durch die Rekrutierung internationaler Auszubildender aus Rumänien, Spanien und Ungarn betreibt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es aber auch die anderen Unternehmen gibt, die jammern und sich über den Personalmangel beklagen, aber nicht bereit sind, selber Maßnahmen zu ergreifen. Eine Studie von Towers Watson kommt zu einem ähnlichen Befund, denn über die Hälfte der befragten Unternehmen beklagen einen Fach und Führungskräftemangel, doch lediglich ein Drittel hat demografiebezogene Maßnahmen geplant bzw. umgesetzt. Erschreckend finde ich das Ergebnis einer weiteren Studie, wonach nur 15 % aller Ausbildungsbetriebe Jugendliche mit Migrationshintergrund ausbilden. Als Gründe führten die Befragten folgende Aspekte an:

  • Es gab keine Bewerbungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
  • Sprachbarrieren
  • Kulturelle Unterschiede könnten Betriebsklima belasten
  • Schlechtere Leistungen der Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Die Studienergebnisse offenbaren ein Unbehagen gegenüber Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln. Da die zukünftige Fachkräftelücke aber nur durch Zuwanderung zu schließen sein wird, rückt die Aufgabe des Umganges mit Vielfalt als wichtige Zukunftsaufgabe in den Fokus.

Eine schöne Woche wünscht

Uwe Manschwetus

 

Autor:

Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Personalmarketing, Standortmarketing, Kulturmarketing und Digitales Marketing sind Schwerpunkte seiner Arbeit.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Problem der knapper werdenden „Ressource Fachkraft“ wird sich imho nicht durch eine möglichst effiziente „Resteverwaltung“ oder eine unwirtschaftliche Ausweitung der Akquise lösen lassen.

    Der souveräne Umgang mit dem Mangel wird zum Wettbewerbsvorteil. Schon heute „ziehen“ internationale Konzerne wie Amazon und Google ganz Branchen „auf links“ und reduzieren die Relation zwischen Personalkosten und Umsatz auf einen Bruchteil dessen, was voher üblich war.

    Das m.E. Problematischste an dieser Entwicklung ist die Tatsache, das diese Effizienzgewinne vollständig von den Unternehmen „kassiert“ werden und es keinerlei Rücklauf in Richtung der Konsumenten, Staatshaushalte und Sozialsysteme gibt.

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    • Das Konzerne Branchen „auf links drehen“ ist doch nichts Neues. Das war doch schon immer so. Die Eisenbahn hat die Pferdekutschen ersetzt. Und die Profite akkumulieren sich in den Unternehmen. So funktioniert der Kapitalismus. Die soziale Marktwirtschaft ist (war?) in der Lage, dem wilden Treiben Grenzen aufzuzeigen. Doch nun haben wir seit vielleicht 30 Jahren das Problem, dass die sozialen Ungleichheiten dramatisch zunehmen. In Deutschland aber auch in anderen Ländern. Und das ist ein Problem aller, denn Ungleichheit kostet Wachstum und Wohlstand.
      Du hast Amazon und Google erwähnt. Vielleicht verändern sich die Spielregeln durch die Digitalisierung. Tradierte ökonomischer Prinzipien werden hier auf den Kopf gestellt. In der realen Ökonomie gilt das Knappheitsprinzip und Waren gewinnen an Wert, wenn sie knapp sind. In der digitalen Welt sind dagegen nur Dinge von Wert, die weit verbreitet sind. Nicht umsonst verschenken ja viele Konzerne ihre Software.
      Uwe

      Antworten

  2. Schmeinck Elisabeth

    Interkulturelle Kompetenz ist ein Schlüsselbegriff der m.E. mit dem demografischen Wandel einhergeht. Lt. Umfrage der Bertelmann Stiftung bilden nur 15% der Ausbildungsbetriebe Jugendliche mit Migrationshintergrund aus. Zeitgleich wird Globalisierung der Märkte, in der gängigen Literatur, als eine der größten Herausforderung für die moderne Arbeitswelt benannt, die es zu meistern gilt. Märkte verändern sich und auch Konkurrenzbeziehungen werden vielschichtiger und interkulturelle Kompetenz kann zukünftig das „Zünglein an der Waage sein“, wenn es um Erfolg geht.
    Und woran erkenne ich diese Fähigkeit? „An den Reaktionen von Menschen und der Art mit Irritationen umzugehen zeigt sich ihr Potenzial, in interkulturellen Begegnungen erfolgreich zu sein. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit viel Potenzial über folgende Eigenschaften verfügen.“ ( Leenen und Grosch 2002) Sinngemäß zusammengefasst und auszugeweise zitiert: Im Bereich der sozialen Kompetenzen: Perspektivübernahme, Beziehungen befriedigend zu gestalten und aufrecht zu erhalten sowie realistische Selbsteinschätzung. Im Bereich der personalen Kompetenzen: Belastbarkeit, Unsicherheitstoleranz, Autonomie und Humor. Humor ist m.E. ohnehin eine Eigenschaft oder vielleicht auch Kompetenz, die sehr Vieles im Leben erleichtert. Darüber hinaus sind kulturelle Kompetenzen erforderlich, wie das Bewusstsein für die eigene „Kultürlichkeit“ (eine Wortschöpfung, die ich dankenswerterweise von Frau Prof. Petra Eckert erhielt und aus deren Präsentation ich hier auch auszugsweise zitiere. Sie war Projektpartnerin im EWIBO Projekt: „interkulturelle Kompetenz und Praxis vor Ort – dicke Bretter für Kommunen“ gefördert aus Mitteln der EU und BAMF). Außerdem sind zu nennen: Interkulturelle Vorerfahrungen und auch die Möglichkeit auf Deutungswissen zurückzugreifen. Die komplette und sehr lesenswerte Präsentation von Frau Prof. Eckert finden Sie: https://prezi.com/pvwa7xtsszvf/interkulturelle-kompetenz/
    Im Personalmanagement ist diese Kompetenz sicherlich eher in der Kategorie Soft – Skils „abgeparkt“. Vorteile für Beschäftigte, Unternehmen und auch Organisationen sind m.E. nicht hinreichend bekannt und auch das Fehlen von Instrumenten, die diese Kompetenzen aufdecken und dialogfähig machen ist zu beklagen. Denn, die benannten Kompetenzen werden oftmals nicht in formalen Bildungssystemen erworben sondern in der Familie, Hobby, etc. Der Europäische- und auch der deutsche Qualifikationsrahmen fordern die Anerkennung dieser Kompetenzen ein, es fehlen bis heute allerdings anerkannte Instrumente, die Aufdeckung und Einordnung in diese Rahmen ermöglichen.
    Weiterbildung wird gerne an deren Nachhaltigkeit gemessen. Fachweiterbildungen werden oftmals höherwertig eingeordnet und finden eher eine Abbildung im Budget als Weiterbildungen zu den sogenannten „Soft Skills“.
    Gefahren für Unternehmen werden lt. Bertelmann Umfrage in den Veränderungen gesehen, die diese jungen Menschen ins Unternehmen tragen könnten. Die Ängste scheinen zu überwiegen.
    Aus meiner Sicht lassen sich die Vorteile der IK allerdings sehr deutlich benennen:
    • Beschäftigte sind in der Lage auch mit kulturellen Unterschieden umzugehen sowohl im Unternehmen z.B. mit jungen Menschen, die ausgebildet werden wie auch außerhalb der Unternehmens im Umgang mit Kunden
    • das Unternehmen kann mit IK auf ein großes Arbeitnehmerpotenzial zurückgreifen und der Arbeitsmarkt entwickelt sich zu einem Arbeitnehmermarkt, so dass die Ressourcen auch hier knapp werden
    • Die Attraktivität der Unternehmen steigt
    • und für Kommunen kann IK der Schlüssel für Zuwanderung sein, so dass auch Zuzüge eine Aussicht auf Verbleib haben
    Mit einem neuen Projekt: „Netzwerk Miteinander“ gefördert aus EU Mittel und über das BAMF wird in Bocholt nun schon frühzeitiger angesetzt: Im Auftrag des DRK Borken, werden hier sowohl junge Menschen mit Migrationshintergrund und Vereine zusammengebracht. Beidseitig wird geschult: Die Vereine beginnen im Februar mit der Schulung: „IK im Verein“ und mit den jungen Menschen werden Kompetenzprofile erstellt. Es soll ein Matching zwischen Vereinen und Migranten umgesetzt werden, damit die jungen Menschen auch Zugehörigkeit entwickeln und sich wirklich willkommen fühlen. Denn nach meiner kleinen Umfrage in Schulungen von Sprachkursen für Migranten ist es so, dass diese Teilnehmenden nahe soziale Kälte in ihrem neuen Lebensumfeld empfinden. Alles in allem steckt dahinter auch die Idee, dass das Sozialkapital der Vereinsstrukturen erschlossen wird. So verwundert es nicht, dass Die freiwilligen Agentur der Stadtverwaltung Bocholt, die Demografie-beauftragte der Verwaltung und selbstredend der Integrationsbeaugtragte das Projekt unterstützen. Denn wer weiß es besser als wir in unserer Xing Community: Sozialkapital öffnet Türen: Beruflich wie auch privat! Die Netzwerke hinter den Netzwerken sind zu erschließen, damit interkulturelle Öffnung im Privaten, in wirtschaftlichen und kommunalen Bereichen und auch in Non Profit Organisationen zu den gewünschten Integrations- bzw. nun auch Inklusionsbemühungen führen.

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  3. Hallo Frau Schmeinck,
    so viele interessante Aspekte – ich schaffe es einfach nicht auf alles einzugehen. Ich greife nur mal einzelne Aspekte heraus.. Interessant finde ich, dass sie Humor als Kompetenz definieren. Da ist was dran! Sind wir Deutsche nun aber humorlos oder erscheinen wir nur so? Als ich nach einem längeren Aufenthalt aus der Elfenbeinküste nach Deutschland zurückkehrte, fielen mir auf jeden Fall die vielen ernsten Gesichter in der Berliner U-Bahn auf. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele Menschen aus anderen Kulturkreisen in Deutschland eine soziale Kälte empfinden.
    Die Prezi über interkulturelle Kompetenz finde ich übrigens cool. Sehr gelungen.
    Ihr Projekt „Netzwerk miteinander“ ist ein toller Ansatz. Und sie haben vollkommen recht, Sozialkapital öffnet Türen, beruflich wie privat. Ich erlebe es gerade selber, denn wir haben bei uns zuhause gerade eine Austauschschülerin aus Brasilien zu Gast und davor einen Jungen aus Taiwan.
    Auf unserer Tagung am 29. Mai in Wernigerode an der Hochschule Harz planen wir den Nachmittag mit offenen Diskussionsrunden zu bestreiten, deren Themen aus dem Teilnehmerkreis kommen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie eine Teilnahme einrichten könnten und die Diskussion bereichern!

    Uwe Manschwetus

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